Dumpfer Knall nach kurzer Stille
- Thüringer Allgemeine 15.10.1997
Der Absturz eines Kleinflugzeuges kostete gestern
bei Erfurt vier Menschen das Leben
Gegen 19.15 Uhr, fliegt gestern ein kleines
zweimotoriges Flugzeug ungewöhnlich tief über Erfurt-Bindersleben. Anwohner
hören ein "eigenartiges Geräusch", offenbar stottert ein Motor, fällt kurz aus
und springt dann wieder an. Ein Augenzeuge: "Plötzlich war Stille, dann ein
kurzer Knall". Schlimme Ahnung: Das Flugzeug ist abgestürzt.
Die Anwohner des kleinen Erfurter Ortsteils
Gottstedt, nur zwei Kilometer hinter Bindersleben, haben Glück im Unglück. Die
Absturzstelle liegt etwas abseits des Dorfes, auf offenem Feld. Die anrückenden
Rettungsmannschaften scheuen zunächst die Fahrt auf den vom Regen der letzten
Tage aufgeweichten schmierigen Boden und fahren weiträumig um die Unfallstelle.
Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste sowie Abschleppautos pendeln schemenhaft
durch das nächtliche Dunkel zwischen Bindersleben, Gottstedt, Ermstedt und
Alach.
"Sie sollen doch die Zufahrt über die Alacher
Bahnhofstraße nehmen", schreit ein Feuerwehrmann ins Handy. Doch aus Alach ist
vorerst keine Hilfe in Sicht. Ein Meer von Blaulichtern auf den Straßen, aber
direkt an der Unfallstelle stehen nur zwei Polizei-Pkw und zwei Rettungswagen.
Darunter auch das Fahrzeug des leitenden Rettungsarztes Ekkehard
Schneider:
"Leichen scheinen nicht drin zu sein", sagt Schneider
beim ersten Anblick des brennenden Wracks, "sonst würde man irgendwas sehen".
Seine Schluß-folgerung: "Wir müssen weiträumig das Gelände durchsuchen,
vielleicht ist jemand vorher mit dem Fallschirm abgesprungen".
Die Situation ist konfus. Niemand weiß Genaues. Vom
Flughafen wird gemeldet, daß eine zweimotorige Maschine aus Zürich avisiert war.
"Da kann ja nicht mehr viel Benzin drin sein", sagt ein Feuerwehrmann. Dennoch
traut sich niemand zu nahe an das brennende Wrack. Explosionsgefahr.
Bis kurz vor acht Uhr dringen weder ein Löschfahrzeug
noch ein Beleuchtungswagen bis zum Flugzeug vor. TA-Re-portern gelingt dies mit
einem Pkw ohne Allrad ...
"Wir brauchen dringend einen Löschwagen", ruft ein
Polizist fast flehend in sein Funkgerät, "unsere Handfeuerlöscher sind alle
verbraucht". Das Flug-
zeug brennt gegen 20 Uhr noch immer, noch immer sind
mehr Neugierige aus dem Dorf am Flugzeug als Rettungsmannschaften. Der Notarzt
bittet per Funk um weitere Unterstützung: "Wir brauchen Hilfe von der
Bereitschaftspolizei".
Selbst aus Jena werden Einheiten in Marsch gesetzt,
während sich langsam - einige von Unimog-Allradschleppern gezogen - die ersten
Lösch- und Rettungsfahrzeuge aufs Feld wagen. "Mit ihren 40 Tonnen sinken die
ansonsten auf diesem Morast gnadenlos ein", sagt ein Feuerwehrmann.
Eine
dreiviertel Stunde nach dem Absturz hat die Suche nach möglichen Überlebenden
noch immer nicht begonnen. Auf dem Gelände einige hundert Meter hinter dem Wrack
werden mögliche Flugzeugteile ausgemacht. Notarzt Schneider bittet dringend um
einen Beleuchtungswagen.
Mittlerweile ist auch die Suchhundestaffel aus
Arnstadt alarmiert und auf dem Weg. Die Straßen ringsum sind voller Polizei- und
Rettungswagen; sie ziehen weiter Schaulustige an. "Weiträumig absperren",
befiehlt der Polizeiführer. Neugierige, um die sich bis dahin niemand gekümmert
hat, die aber auch nicht behindern, werden angeblafft: "Ab bis zur Straße. Aber
schnell". Ob dies
nicht auch freundlich zu sagen wäre, fragt einer. Die
Bemerkung wird mit einer eindeutigen Handbewegung in Richtung Gottstedt
quittiert.
Gegen 20.30 Uhr. Die Suchtrupps sind noch nicht eingetroffen,
aber die Flammen am Flugzeug werden kleiner. Der Pilot und drei Fluggäste, wird
mit Mühe festgestellt. "Die Leichen sind so verbrannt, daß nur schwer ihre Zahl
zu bestimmen war", erklärt Schneider. Die Suchaktion kann eigentlich abgeblasen
werden. Mittlerweile sind drei Rettungswagen und mehr als ein Dutzend
Feuerwehren eingetroffen.
Es heißt, bei der zweimotorigen Maschine
handele es sich um eine "Piper 61". Sie kam aber nicht aus Zürich, wie zunächst
behauptet, sondern aus Altenrhein am Bodensee in der Schweiz. Peter Thöny,
dortiger Flugverkehrsleiter, ist über den Absturz bereits informiert. Er sagt,
es sei eine amerikanische "Aerostar." Der Pilot sei ein Schweizer, über die
Passagiere wisse er nichts.
"Die Maschine ist uns direkt im Landeanflug
plötzlich vom Schirm verschwunden", bekommt TA aus dem Flughafen-Tower
mitgeteilt. Welche Rolle das neblige Wetter spielte, muss noch untersucht
werden. Aber es sind bereits am Nachmittag Flüge nach Erfurt vom Binderslebener
Flughafen nicht angenommen und nach Leipzig umgeleitet worden. Ob die Maschine
wegen Nebel Orientierungsprobleme hatte oder wegen Treibstoffmangels abstürzte,
ist gestern Abend noch nicht zu klären.
Gegen 21.00 Uhr. Das Lagezentrum
des Innenministeriums hat den Absturz des Flugzeugs inzwischen auch bestätigt,
Einzelheiten seien aber noch nicht bekannt. Ekkehard Schneider gibt eine
offizielle Erklärung für die Medien ab: "Die notwendigen Maßnahmen wurden
schnell und unverzüglich eingeleitet".
Noch immer fahren Polizeiautos auf
der Straße bei Gottstedt mit Blaulicht auf und ab. Zumindest die Zahl der
alarmierten Rettungskräfte kann sich sehen lassen.
Eine Chance, die vier
Insassen zu retten, hätte es nach Meinung der Feuerwehr auch dann nicht gegeben,
wenn das Flugzeug früher gelöscht worden wäre. Die Flammen unmittelbar nach dem
Aufprall seien mit sehr großer Wahrscheinlichkeit tödlich gewesen.
In
Gottstedt zieht an diesem Abend nicht so schnell Ruhe ein. Einer aus dem Dorf,
der demnächst von Erfurt aus in Urlaub fliegen will, grummelt: "Das gibt wieder
Wasser auf die Mühlen der Flugplatzgegner".
- Thüringer Allgemeine
15.10.1997